Die Kapelle und das "Siechenhaus" von Klein Grönau

Eine Kurzbiographie von Jürgen Hagen

 

Siechenhäuser sind von der Geschichte mittelalterlicher Fernstraßen so wenig zu trennen wie an ihnen gelegene Wirtshäuser. An der alten Salzstraße standen fünf, dem Schutzpatron St. Georg, niederdeutsch St. Jürgen, geweihte Hospitäler. In Klein Grönau verbrachten jeweils 6 Frauen und 6 Männer, die von der unheilbaren, ansteckenden Lepra befallen waren, ihren Lebensabend.

 

Die Siechenhausanlage von Klein Grönau mit Aussätzigenheim, Kapelle, Wirtschaftshof und dreiteiligem Reihenkaten für auf dem Hof Beschäftigte ist die einzige noch vollständig erhaltene Gebäudegruppe dieser Bestimmung.

 

Im 13. Jahrhundert vom Ritter Volkmar von Gronowe als Leprosenheim gestiftet, ging es kurz vor dem Erlöschen des Geschlechtes 1423 in Besitz und Verwaltung der Hansestadt Lübeck über. Erste Erwähnung fand die Anlage im Urkundenbuch des Bistums Lübeck am 26.Mai 1265.

 

—Der Lübeckische Bürger Heinrich von Iserlohn vermachte – für sein und seiner Gattin Seelenheil und Errettung – eine Hufe Land in Vilebeke (Grevesmühlen). Mit der Auflage, daß der jährlich daraus hervorgehende Gewinn in zwei Teile geteilt werden soll, und zwar für die Aussätzigen in Grönau eine Hälfte, für die Aussätzigen aber in Schwartau die andere Hälfte.—

 

1479/80 wurde, wie aus Inschrifttafeln im Inneren des Hauses und an der Außenwand hervorgeht, das heute stehende Siechenhaus aus dem Nachlaß des 1477 verstorbenen Lübecker Bürgermeisters Andreas Geverdes errichtet.

 

Die Aussätzigen-Bewohner des Siechenhauses hatten ein sogenanntes Wegerecht und bekamen von den vorbeiziehenden Handelsleuten usw. eine freiwillige milde Gabe als Wegezoll; denn die Leprakranken galten kirchlicherseits keinesfalls als besonders schuldbeladen, deren Leiden für eine Strafe Gottes gehalten wurden. Vielmehr galt die Lepra als Zeichen besonderer göttlicher Gnade.

 

1958 wurde das Ensemble von der Westerauer Stiftung, mit der die Klein Grönauer Stiftung in den vierziger Jahren verschmolzen wurde, von der Landeskirche Lübeck erworben. Die Westerauer Stiftung besteht noch heute. Sie wurde vom Lübecker Bürgermeister Andreas Geverdes und dem Gewandschneider Gerhard von Lenten 1477 gegründet. Die Stiftung beschränkte sich nach dem zweiten Weltkrieg auf die Unterstützung von alten Menschen wie beispielsweise im Armenhaus von Klein Grönau. Aus den Zinsen des Stiftungsvermögens können heute allerdings keine großen Unterstützungen mehr gewährt werden.

 

Bereits am Anfang des 15. Jahrhunderts wurde die Kapelle gebaut. Einem neben dem Eingang eingemauerten Schriftband in Lateinisch entnehmen wir: „1409 hat man mich erbaut.“ Am 23. Juni 1409 wurde sie geweiht. 2 Weihkreuze erinnern an diesen Tag. Da sie an einem alten Handelsweg liegt, wird sie auch als Wegekapelle bezeichnet. Im Jahr 2009 feiern wir den 600 jährigen Geburtstag der Kapelle.

 

Im Boden der Kapelle sind teils aus vorreformatorischer Zeit stammende Grabplatten eingelassen. Am Südausgang ist das einzige in Lübecker Kirchen erhaltene Weihwasserbecken aus Kalkstein. Außerdem befinden sich in der Kapelle noch ein spätgotisches Vesperbild, eine etwa 1430 entstandene Predella (das Unterteil des früher in der Kapelle aufgestellten „Grönauer Altars“ von 1430), eine frühbarocke Kreuzigungsgruppe, zwei barocke Leuchter aus Messing und ein Kruzifix welches etwa 1960 von Erich Klahn angefertigt wurde.

 

1659 bekam die Kapelle einen Dachreiter und eine Glocke vom Lübecker Rotgießer Cordt Cleimann. Die über dem Eingang befindliche Empore (der sogenannte Mannschor) wurde 1641 gebaut, „weil die Zuhörer sich gottlob vermehren“.